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»Mit Zivilcourage seiner Partei durch Widerspruch gedient«

»Seine Majestät der König haben allergnädigst geruht«, so beginnt der erste Meldungssatz in der »Vossischen Zeitung« vom 6. Januar 1850 – und dann wird aufgezählt, wem Friedrich Wilhelm IV. diverse Orden überreicht hat. Kurz darauf erfährt man auf der Titelseite, welche Honoratioren und Adligen in Berlin angekommen sind, und dass »Seine Durchlaucht der Fürst Heinrich« aus dem Hause Reuß die Stadt verlassen habe. Schließlich wird es politisch: Die »Vossische«, die damals noch den Namen »Königlich privilegirte Berlinische Zeitung von Staats- und gelehrten Sachen« trug, berichtet über »die wichtigste Frucht aller bisherigen repräsentativen Anstrengungen und Kämpfe in Preußen«: den »Abschluss des ersten umfassenden staatsrechtlichen Verfassungswerkes«. 

Diese war ganz nach dem Geschmack des Hohenzollern-Königs und hatte mit dem liberalen Wollen der Akteure der Märzrevolution von 1848 nicht mehr viel zu tun. Die deutschen Großmächte verfolgten eine koordinierte antirevolutionäre Politik nach innen, die Ergebnisse der Revolution wurden rückgängig gemacht. Per »Bundesreaktionsbeschluss« wurde gegen die als »revolutionär« geltenden Schritte vorgegangen – gegen allgemeines Wahlrecht, Budgethoheit der Parlamente, Garantie der Pressefreiheit und Möglichkeit, politische Parteien zu bilden. Davon ist in dem »königlich privilegirten« Blatte nicht die Rede. 

Die Sonntagsausgabe vom 6. Januar 1850 schließt mit Börsenmeldungen. Es ist der Tag, an dem Eduard Bernstein in Berlin zur Welt kommt. Peter Gay hat später von einer Zeit gesprochen, »in der sich die deutsche Arbeiterklasse in einer verzweifelten Lage befand. Nur zwei Jahre vorher hatte das große liberale Erwachen des Bürgertums ganz Europa in einer Reihe von Revolutionen erschüttert. Aber es war davon nichts als der Verlust aller Illusionen übriggeblieben.« Bernsteins Leben, so Gay, startete »in einer für den europäischen Sozialismus so aussichtslosen Zeit«. Vielleicht besser: In einer Zeit, in der zwischen Hoffnung und Niederlage, zwischen Aufbruch und Rückschritt nur wenige Monate liegen konnten. Man erinnere sich: 1848 war auch das Kommunistische Manifest veröffentlicht worden, dieser große literarische Appell. Nur drei Jahre später musste Karl Marx bilanzieren: »Die Mächte von einst, von vor dem großen Sturm, sind wieder einmal die Mächte der Gegenwart.« 

Eduard Bernstein wird als siebtes von fünfzehn Kindern geboren; er selbst wird später von einer an diesen »überreichen Ehe« sprechen. Der Vater Jakob Bernstein ist Lokomotivführer, über seine Mutter schreibt er, diese war »durch Überlastung an Hausarbeiten daran verhindert, sich mit mir geistig überwachend zu beschäftigen«. Von »engen Wohnverhältnissen« berichtet er, weite Schulwege, von körperliche Schwäche und Geldmangel. Doch die Eltern, einer jüdischen Reformgemeinde angehörend, versuchten alles, den Kindern eine höhere Bildung zukommen zu lassen. Eine wichtige Rolle spielte der ältere Bruder von Bernsteins Vater, Aaron, »an dem dieser mit schwärmerischer Liebe hing und zu dem auch wie Kinder ehrfurchtsvoll aufschauten«. Aaron Bernstein hatte in der Märzrevolution mitgekämpft, 1849 die »Urwähler-Zeitung« gegründet, welche das Blatt 1853 einstellten und ihn ins Gefängnis warfen. Später wurde er Leitartikler bei der von Franz Duncker gegründeten »Volks-Zeitung«.

Eduard Bernstein wird später schreiben, obwohl er dem Onkel »manche Anregung verdanke, hat er doch auf meine geistige Entwicklung keinen nennenswerten Einfluss ausgeübt«, was mehr mit räumlicher Entfernung als mit inhaltlichen Aspekten begründet wird. Helmut Hirsch weist allerdings zu recht darauf hin, dass es gerade die frühen Jahre seines Lebens sind, in denen Bernstein »mehr mit literarischem und liberalem Gedankengut in Berührung« kam als mit sozialdemokratischem. Man wird das im Lichte der späteren Auffassungen Bernsteins nicht gering einschätzen dürfen. Selbst wenn, wie es Peter Gay formuliert, aus dessen Jugendjahren »wenig Interessantes zu berichten« gebe. 

Michael Heinrich hat im ersten Band seiner hervorragenden Marx-Biografie darauf hingewiesen, dass die Konstitution einer Person bereits im kindlichen Alter beginnt, nicht allein über das Nachzeichnen rein kognitiver Wege verstanden werden kann – auch Familienbeziehungen, Schulerfahrungen, Erlebnisse im sozialen Raum müssten in die Betrachtung einbezogen werden. Man dürfe nicht allein die soziale oder ökonomische Lage als Hintergrund aufspannen und allein davon allerlei ableiten. Biografisches Schreiben, so Heinrich, müsse »die jeweiligen Lebensbedingungen in einem umfassenden Sinn«, sowohl die ermöglichenden als auch die einschränkenden in den Blick nehmen.

In den vorliegenden biografischen Schriften über Bernstein wird das nur andeutungsweise auch gemacht. Francis Ludwig Carsten springt in seiner Schrift über Bernstein schon auf der ersten Seite in dessen 27. Lebensjahr, die Zeit davor wird nur sehr skizzenhaft beschrieben, vor allem was die materiellen Lebensbedingungen der Bernsteins angeht. Die Zeit von 1850 bis 1871 ist politisch nicht nur für Preußen eine von vielen Brüchen und Wendungen durchzogene, aber Carstens Urteil, es erscheine »fast natürlich«, dass »sich während dieser Jahre das Interesse eines jungen Mannes der Politik zuwandte«, bleibt doch etwas unbefriedigend. Natürlich? 

Anders Peter Gay, der die Selbstzeugnisse Bernsteins seine jungen Jahre betreffend eher psychologisierend interpretiert – diese wären »für seinen Charakter aufschlussreich«, wie alle späteren Veröffentlichungen trügen sie »den Stempel der Integrität. Überall kommen seine Aufrichtigkeit, seine Gründlichkeit und seine Intelligenz zum Ausdruck«. Gay nimmt dazu auch frühere literarische Versuche Bernsteins in den Blick, verweist auf dessen vorübergehenden Wunsch, Schauspieler oder Schriftsteller zu werden, schreibt von »bürgerlichem Geschmack für Dichtkunst« und davon, dass man Bernstein »eine gewisse romantische Einbildungskraft« nicht absprechen könne.

»Die Umstände, unter denen ich als Kind und Knabe herangewachsen bin, und auch meine Jünglingsjahre waren einer Entwicklung zum Wissenschaftler nicht sonderlich günstig«, schreibt Bernstein später über seinen Start ins Leben. 170 Jahre danach lässt sich von einigem Glück sprechen, dass sich frühe Unkenrufe aus dem persönlichen Umfeld nicht bewahrheitet haben. Er habe sich »oft anhören« müssen, erinnert er sich später, wie »in meiner Anwesenheit Leute in bezug auf mich erklärten: ›Ach, der macht es ja höchstens noch ein oder zwei Jahre«. Im Alter von 17 beschied ihm »ein Mitbewohner unseres Hauses« direkt ins Gesicht: »Eduard, Sie werden keine zwanzig Jahre alt.« 

Als Eduard Bernstein Ende 1932 stirbt, liegt ein ereignisreiches politisches Leben hinter ihm. Als »Begründer des Revisionismus« eher abgestempelt denn wirklich verstanden, ist er eine der großen Figuren der sozialistischen Bewegung. Franz Walter hat ihn eine »singuläre Gestalt« genannt, für Teresa Löwe-Bahners war er »innerhalb der SPD fast vollständig isoliert«. Wolfgang Abendroth kritisierte ihn für seine »evolutionistischen Fortschrittsthesen und bloßen Hoffnungen«, die kommunistische »Rote Fahne« sah seine Überlegungen »auf die Verewigung der Versklavung des Proletariats« hinauslaufen. Uwe-Jens Heuer urteilte, dass er »bisherige Grundwahrheiten infrage stellte, ohne eine konstruktive Antwort zu geben«, während er bei Carlo Schmid »auf der ganzen Linie gesiegt« haben soll. 

Wer solch eine Bandbreite an Bewertungen auf sich zu ziehen vermag, muss Spuren hinterlassen haben. Zum 170. Geburtstag von Eduard Bernstein wird man allerdings nicht viel Aufhebens über das Jubiläum entdecken. Der große alte Mann eines liberalen, reformsozialistischen Denkens steht heute zwischen vielen Stühlen. Ein guter Platz. Oder, wie es Thomas Meyer einmal formuliert hat: Dieser »bescheidene Sozialist« hat »mit Zivilcourage seiner Partei durch Widerspruch« gedient. 

Kategorien:Allgemein

Tom Strohschneider

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