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»Ein langer goldener Streif glühenden Abendrotes«

»Einer der Großen aus der Geschichte der deutschen und der internationalen Arbeiterbewegung ist von uns gegangen«, so beginnt der Aufmacher der Abendausgabe des »Vorwärts« vom 19. Dezember 1932. Die Titelseite wird vom schwarz umrahmten Namen Eduard Bernstein dominiert, darunter ein Foto aus den letzten Lebensjahren des Sozialdemokraten. Die Zeitung dokumentiert erste, auch aus dem Ausland eingehende Verbeugungen vor jenem Manne, »dessen weißes Gelehrtenhaupt aus einer der kämpferischsten Epochen in unsere Zeit ragte«. Beim Vorstand der SPD und in der Redaktion selbst »laufen Beileidstelegramme in großer Zahl ein«. Die Überführung des Leichnams von Bernsteins Wohnung in der Bozener Straße ins Krematorium Wilmersdorf wird für 15 Uhr noch am selben Tage angekündigt.

Bernstein war es schon längere Zeit nicht gut gegangen, erst wenige Tage zuvor hatte der Berliner Arzt und Sozialdemokrat Benno Chajes, der mit der Stieftochter Bernsteins, Käte Schattner, verheiratet war, an Luise Kautsky geschrieben, »dass es unserm Ede in letzter Zeit leider garnicht gut geht. Seit ca. 2 Wochen ist eine erhebliche Verschlechterung seines Zustandes  eingetreten«. Bernsteins Schwächezustand sei »in den allerletzten Tagen erheblich fortgeschritten«, er schlafe nun inzwischen »fast den ganzen Tag und verlässt auch das Bett nicht mehr. Das Einzige, was ich für ihn tun kann, ist, ihn durch kleine Morphiumgaben schlummern zu lassen, damit er sich wenigstens nicht quält!« Chajes wusste, dass seine Mitteilung an die Familie Kautsky »Kummer bereiten wird«, hielt es aber »doch für meine Pflicht, Ihnen als den ältesten und treuesten Freunden von Ede hiervon Nachricht zu geben«.

Zuletzt im Oktober 1932 hatte Bernstein an »Meine lieben Baröner« geschrieben, wie die Kautskys im privaten Umgang von ihm genannt wurden. Bis auf die abschließende Grußformel schrieb er aber nicht mehr selbst, den Schriftverkehr besorgte »meine geschätzte Hausgenossin« Adelheid Siebecke, »denn meine Augen versagen manchmal den Dienst«. Der Glückwunsch zum Geburtstag des alten Freundes Karl Kautsky, jenes Mannes, mit dem Bernsteins Biografie so eng, freundschaftlich aber auch politisch konfliktreich verbunden war, gehört zu seinen letzten Äußerungen. 

»Oft spreche ich von Euch, oft denke ich der vergangenen Tage, gern erinnere ich mich auch unserer alten Lieder, die wir so gern zusammen gesungen haben«, lässt er Siebecke schreiben, die für den Alten aus einem »Weaner G’sang’l« zitiert: »Der Mensch ist kein Krawat – Krawat – er lebt nicht blos alleinig vom Salat.« Bleibt gesund, schreibt Bernstein noch. Kautsky antwortet am letzten Oktobertage des Jahres 1932, mit etwas schlechtem Gewissen. Er »hätte ihn natürlich sofort beantworten sollen«, doch die publizistische Arbeit hält Kautsky stark in Beschlag. 

Sein letzter Brief an Bernstein ist zugleich eine kurze, noch von Hoffnung geprägte Skizze jener Zeit, in der das kommende Unheil schon überall die Szenerie überschattete: Es sei nicht gut um die Partei bestellt, schreibt er, »und das ist das Trübselige dabei. Aber natürlich darf man den Mut nicht sinken lassen. Es steht zwar jetzt schlimmer als unter dem Sozialistengesetz. Damals hatten wir Polizisten und Richter gegen uns, aber keine Nazis, und wie harmlos waren die Mostianer im Vergleich zu den heutigen Kozis. But never say die! ›Es geht bald wieder am andern Berg her‹, sagen die Wiener. Bald heben wir uns wieder in die Höh, hoffentlich wirklich rasselnd und imponirend und nicht bloß quasselnd.« 

Die harte Konfrontation zwischen Sozialdemokraten und Kommunisten prägt jene Monate ebenso wie die Sorge um den Aufstieg der Faschisten. Dem alten Freund, der dies auch über eine jahrelange Periode des Streits geblieben war, schwant auch Bernstein betreffend nichts Gutes. »Leb wohl mein Lieber«, heißt es am Ende des Briefes. Es wird der letzte Gruß nach Berlin bleiben.

Bernstein stirbt in der Nacht auf den 18. Dezember 1932 in seiner Wohnung im Bayerischen Viertel »nach kurzem Alterssiechtum im 83. Lebensjahr«, wie die »Vossische Zeitung« am darauffolgenden Montag berichtet. An diesem Tag macht sich zur Mittagsstunde der damalige SPD-Vorsitzende Otto Wels auf den Weg in die Bozener Straße, »und legte auf die Brust des toten Vorkämpfer«, wie der »Vorwärts« zu berichten wusste, »einen Strauß roter Nelken nieder«. Die »Weser-Zeitung« berichtet am 19.12.1932, Bernstein sei »am Sonntag Mittag um 14 Uhr in seiner Wohnung« verstorben. Der Zeitablauf spricht dieser Darstellung wenig Glaubwürdigkeit zu.

Um 19 Uhr spricht der Publizist und damalige Leiter des SPD-Parteiarchivs Paul Kampffmeyer im Rundfunk einen Nachruf. »Er gab, obgleich ihm für seine Ausführungen nur zehn Minuten zur Verfügung standen, einen vorbildlich klaren Überblick über das geistige Wesen, der ein tief schürfender Gelehrter und zugleich kampfesfroher, dem Proletariats lebendig verbundener Sozialist war«, wie es die Abendausgabe des »Vorwärts« vom 20. Dezember wiedergibt. Bereits in der Morgennummer würdigt Otto Friedlaender den »Alten« und schildert Besuche der »Jungen« bei ihm: »An den Wänden hohe Bücherreihen, Bebels, Lassalles, Liebknechts Bilder und, sorglich wie eine Reliquie gehütet, das eiserne Tintenfass seines großen Lehrmeisters Karl Marx waren Zierden des Rahmens, aus dem das Bild des Patriarchen lebendig und bedeutend hervortrat«.

Am darauffolgenden Donnerstag nahm die Sozialdemokratie von Bernstein in einer Trauerfeier im Krematorium Wilmersdorf Abschied. Die Halle »vermochte die Zahl der Trauergäste nicht zu fassen. Die Internationale, die Partei, die Gewerkschaften, die Genossenschaften, vor allem aber auch Eduard Bernsteins Berliner Freunde und Mitstreiter waren so zahlreich erschienen«, dass der Einlass gestoppt werden »und mancher umkehren musste«. Unter die Trauergäste hatten sich nicht nur Genossen gemischt, sondern auch »zahlreiche Vertreter der Wissenschaft und des öffentlichen Lebens«, darunter Vertreter der Spanischen Republik und Finnlands. 

Ein Kranz roter Nelken auf dem schlichten Sarg, an dessen Seite sich »Reichsbannerkameraden und Mädchen und Jungen von der Sozialistischen Arbeiterjugend aufgestellt« hatten. Davor »unendlich groß« die »Zahl der Kränze, die ihm gewidmet wurden«. Die Trauerhalle ausgeschmückt mir roten Fahnen, »die das Zeichen der Freiheit, unsere drei Pfeile, tragen«. Aus Beethovens 3. Sinfonie »Eroica« erklingt der Trauermarsch, von Johann Mattheson folgt das »Air«, ein Neffe Bernsteins spielt das Cello. Später noch bringt das Ebert-Manz-Quartett »Pilger auf Erden« von Peter Cornelius zur Darbietung: »So raste am Ziele, hier labe dich Frieden nach langer Fahrt.« 

Der SPD-Politiker Friedrich Stampfer spricht zu den Trauernden, für die Sozialistische Arbeiter-Internationale ergreift Willem Vliegen das Wort, Paul Kampffmeyer tut es im Namen der »Sozialistischen Monatshefte«, die Bernstein eine publizistische Heimat waren, allerdings nur bis 1914. Der Elsässer Salomon Grumbach, früher in der deutschen Sozialdemokratie organisiert, seit Ende des Ersten Weltkriegs Mitglied der Section française de l’Internationale ouvrière, spricht als letzter und endet mit den Worten: »Es war ein Leben, wert, gelebt zu werden.« Ein Arbeiterlied erklingt, dann noch Schuberts Litanei. »Die Hunderte haben sich erhoben. Die Kampffahnen neigen sich, und der Sarg versinkt…«

Am 3. Januar 1933 kündigt der »Vorwärts« die »Beisetzung der Asche des verstorbenen Genossen Eduard Bernstein« für den 6. Januar auf dem städtischen Friedhof Maxstraße in Schöneberg an. »Alle Genossinnen und Genossen, Reichsbannerkameraden, Arbeiterjugendgenossen und alle Arbeitersportler beteiligen sich«, heißt es in einer Art Eigenanzeige auf der Titelseite. Auch die Aufstellung der verschiedenen Parteigliederungen »auf der Mittelpromenade der Innsbrucker Straße und Nebenstraßen« wird bekanntgegeben. »Abmarsch pünktlich 3 1/2«, Fahnen und Banner seien mitzubringen. Der Zug beginnt durch die Bozener Straße, in der Bernstein gewohnt hat, über den Bayerischen Platz und die Hauptstraße zum Friedhof. 

Zunächst war Otto Wels als Trauerredner angekündigt, doch wegen einer Erkrankung springt Paul Löbe ein, damals Vizepräsident des Reichstags. In der folgenden Samstagausgabe des »Vorwärts« zeigt ein Bild die Demonstration, mit der sich nicht nur Sozialdemokraten von Bernstein verabschieden. »Unter riesiger Beteiligung«, wie das Parteiblatt anmerkt. Fahnen sind zu sehen, Reichsbanner-Uniformen. 

Als der Zug der Vielen den Friedhof erreicht, breitet sich schon das Dunkel des Januar-Nachmittags aus. Vorher hatte sich dort blauer Himmel erstreckt. Ein weiteres Foto zeigt die Demonstration noch bei Tageslicht in einer der angrenzenden Straßen. (Ein in dem 2011 publizierten Band des Briefwechsels Bernstein-Kautsky (1912-1932) ohne Quelle abgedrucktes Foto verlegt die Beisetzung der Asche Bernsteins allerdings fälschlich in das Jahr 1932.) Als es dann dämmert, sieht der »Vorwärts« wie »mitten hindurch ein langer goldener Streif glühenden Abendrotes an diesem unvergesslichen Winterabend« scheint. »Das schien vielen mehr als ein Zufallsspiel der Natur, das wie ein Symbol, eine Apotheose, eine Zukunftsverheißung für den toten Kämpfer.« 

An der Spitze des Trauerzuges eine Kapelle mit Trommlern, dahinter eine Ehrenkompanie des Reichsbanners. Bevor Löbe noch einmal Bernstein würdigt, gibt der Neuköllner Sängerchor »Du fernes Land« zum Besten. Die kurze Rede des Genossen endet mit den Worten: »Uns ist, als wäre der Alte mitten in seiner Arbeit, am Schreibtisch, eingeschlafen, uns ist, als sagte er in dieser Stunde: Freunde, trauert nicht!« 

Von einer »mehrtausendköpfigen Menschenmenge« berichtet die »Vossische Zeitung«. Im Trauerzug »bemerkte man zahlreiche Reichstags- und Landtagsabgeordnete der sozialdemokratischen Partei«. Die Polizei habe »umfangreiche Sicherheitsmaßnahmen« getroffen, aber der Abschied »verlief in völliger Ruhe«. Die »Berliner Morgenpost« merkt aus Löbes Rede an, Bernstein habe sich »nicht nur in seinem Freundeskreis, sondern auch bei seinen politischen Gegnern Achtung und Sympathie erworben«. 

Es ist ein Abschied nicht nur von einem der Großen der Arbeiterbewegung, immerhin gehörte Bernstein zu jenen, die Marx und Engels noch persönlich kannten und die die Vereinigung der sozialdemokratischen Strömungen noch miterlebt hatten. Es ist auch ein Abschied von einer Denkungsart, von einer bestimmten Weise, linke Politik zu begreifen: sich Widersprüche, Lücken, Veränderungen bewusst machen und das Bedürfnis empfinden, damit aufzuräumen. Darin, »nicht im ewigen Wiederholen der Worte der Meister beruht die Aufgabe ihrer Schüler«, so hat es Bernstein einmal selbst formuliert. In der »Roten Fahne« der KPD ist über die Beisetzung nichts zu erfahren. 

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Tom Strohschneider

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