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»Wat – Bernstein?« Straßen und Namen, die sie nicht tragen

Straßennamen sind immer auch ein Spiegel geschichtspolitischer Verhältnisse und der Löcher des Blicks auf die Vergangenheit. Das trifft auch auf das Andenken an Eduard Bernstein zu. Der Historiker Heinrich August Winkler hat einmal berichtet, welche Reaktion er auf seine Bemühungen erntete, an den sozialdemokratischen Theoretiker  Bernstein zu erinnern – ihm sei, so überliefert es Robert Leicht im »Tagesspiegel«, diesbezüglich beschieden worden: »Wat – Bernstein? Ha’m wir schon – hier in Britz: Bernsteinring.« Eben jene Straße liegt in einem Viertel, das sonst nach Sandstein, Feldspat und Basalt benannt ist. Um sozialistische Politik geht es also eher weniger.

Seit die »Zeit« die Möglichkeit offeriert, nach allen Straßennamen bundesweit zu suchen, lässt sich immerhin eines klären: Wie viele davon sind nach Eduard Bernstein benannt? Es sind ganze drei – zwei Wege in Berlin und Frankfurt am Main sowie eine Straße in Bremen. Man könnte nun die Frage aufwerfen, warum Bernstein, der immerhin die Revisionismusdebatte der Partei lostritt, enger Weggefährte von Friedrich Engels war, langjähriger Reichstagsabgeordneter, beflissener Journalist und Autor, nicht öfter durch Straßennamen gewürdigt wurde. Es scheint, als stünde da eine erinnerungspolitische Mauer. Sie lässt auch Karl Kautsky, Freund und Widersacher, Zeitgenosse und Co-Autor von Bernstein im Schatten stehen: Auch nach ihm sind bundesweit nur drei Straßen benannt: in Brandenburg an der Havel, Bremen und Frankfurt am Main. 

Man kann nun darüber spekulieren, ob hier eine gewollte Entfernung zum Ausdruck kommt: Mit Kautsky mag es heutige sozialdemokratische Erinnerung genauso wenig einfach haben wie mit Bernstein. Aber ist das ein Grund? Wer die Geschichte des Ehrengrabs von Bernstein in Berlin in Betracht zieht, das erst nach öffentlicher Kritik auch ein solches blieb, wird sich wiederum nicht wundern.

Der Unterschied wird deutlich, sucht man nach anderen zeitgenössischen Sozialdemokraten im Straßenbild. August Bebel etwa, der charismatische Vorsitzende von 1892 bis 1913 kommt auf 582 Straßen und Plätze, und das keineswegs nur im Osten. Rosa Luxemburg, Widersacherin von Bernstein im Revisionismusstreit, wird mit 261 Straßen und Plätzen bedacht. Dann fällt es aber auch schon drastisch ab: Nach Ferdinand Lassalle sind 26 Straßen und Plätze benannt, nach Wilhelm Liebknecht 19 und nach Hugo Haase 6. Bernsteins Zeitgenossen wie Georg von Vollmar, der erste Vorsitzende der bayerischen SPD (eine Straße in Leverkusen) oder Julius Motteler (jeweils eine Straße in Esslingen und Görlitz) sind noch seltener vertreten.

Wie im Fall Ignaz Auer, nach dem in den 1920er Jahren eine Straße im Dresdner Stadtteil Seidnitz benannt war, die von den Nazis aber wieder umbenannt wurde, sind Straßennamen von gesellschaftlichen  Umständen mit abhängig. (Wenn irgendwo Kenntnis über eine Straße besteht, die einmal Bernsteins Namen trug, ist Benachrichtigung gern gesehen.) Dass zum Beispiel heute noch 630 Straßen und Plätze nach Bismarck benannt sind, womit nicht der Hering gemeint ist, sondern der Reichskanzler, verweist auf das erbepolitische Problem: Ist der Mann wirklich 210 Mal erinnerungswürdiger als Bernstein?

Kategorien:Allgemein

Tom Strohschneider

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