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»Vorwärts und schnell vergessen«

Nach der Entscheidung der SPD-Spitze, die Historische Kommission aufzulösen, wird die Geschichtslosigkeit der Sozialdemokraten kritisch kommentiert. In Bayern geht die Partei in die andere Richtung – und hat gerade einen historischen Beauftragten gewählt. Derweil heißt es aus der SPD-nahe Friedrich-Ebert-Stiftung, diese werde künftig die Aufgaben der Kommission übernehmen und fortführen.

Der »Wiesbadener Kurier« schreibt:

»Nach der umstrittenen Entscheidung der SPD, ihre Historische Kommission aufzulösen, wird nun die SPD-nahe Friedrich-Ebert-Stiftung laut ihrem Vorsitzenden Kurt Beck die Aufgaben der Kommission übernehmen und fortführen… Der ehemalige SPD-Bundesvorsitzende und rheinland-pfälzische Ministerpräsident Beck erklärte auf Anfrage dieser Zeitung, die Friedrich-Ebert-Stiftung werde dafür sorgen, ›dass keine Lücke bei der Aufarbeitung der Geschichte der Arbeiterbewegung entsteht. Da wird nichts verloren gehen’… Angesichts der derzeitigen »finanziellen Chancen« der SPD vor dem Hintergrund schwacher Wahlergebnisse müsse die Partei ›den Apparat straffen’. Die Ebert-Stiftung ›schwimmt zwar auch nicht gerade im Geld’, so Beck, aber mit organisatorischen Maßnahmen, die noch zu besprechen seien, werde die Kontinuität in der wissenschaftlichen Arbeit gesichert…«

Die »Süddeutsche Zeitung« berichtet aus der Bayern-SPD:

»Ein völlig entgegengesetztes Signal hat in diesen Tagen die Bayern-SPD ausgesendet. Sie hat den Historiker Bernhard Taubenberger zum historischen Beauftragten der Partei gewählt. ›Wir überlassen unsere Geschichte und Geschichtsforschung nicht den anderen, nicht unseren Konkurrenten, nicht unseren Gegnern oder den Feinden der Sozialdemokratie. Wir tummeln uns selber auf diesem Feld‹, betonte Uli Grötsch, Generalsekretär der Bayern-SPD. Sein Landesverband erwägt sogar, eine historische Kommission zu gründen.«

Mike Szymanski kommentiert dort auch den Fall: 

»Geschichtslosigkeit muss sich Nahles deshalb vorwerfen lassen – Gedankenlosigkeit trifft es eher. Denn was sollte der SPD in einer Zeit, in der ihr die Hetzer und Geschichtskonstrukteure der AfD den Rang abzulaufen drohen, mehr Mut machen als ein Blick in die Geschichte? Die SPD könnte aus der Erinnerung Selbstbewusstsein beziehen; sie hat ja nicht alles falsch gemacht. Heute sind es Selbstzweifel, die die Partei verzwergen, verstärkt noch durch das flatterhafte Vorgehen von Nahles‘ Vorgängern. Aber die Tage der SPD sind ja noch nicht gezählt, oder? Es stimmt schon, in der SPD muss sich vieles ändern. Womöglich auch die Arbeit der Historischen Kommission. Diese Chance sollte sie bekommen. Ihre Arbeit jedoch für überflüssig zu erachten, könnte sich bitter rächen.«

In der »Tageszeitung« schreibt Edgar Wolfrum, der selbst Mitglied der Historischen Kommission ist:

»Man könnte klagen, dass die jungen SPD-Funktionäre eben keinen Sinn für Geschichte haben. Aber es ist schlimmer: Sie haben keine Ahnung davon, warum unsere Demokratie ein Geschichtsbewusstsein benötigt, um nicht zu verkümmern. Ohne Wissen um die Vergangenheit lässt sich keine Zukunft gewinnen. Kritisches Geschichtsbewusstsein ist ein Lebenselixier für jede Demokratie. Denn Geschichte ist die Trias aus Vergangenheitsdeutung, Gegenwartsverständnis und Zukunftsperspektive. Sie ist lebendige Aufklärung und Demokratiewissenschaft… Für Antidemokraten war und ist Geschichte immer eine Waffe. In den anstehenden erinnerungskulturellen Kämpfen wird die stolzeste deutsche Partei stimmlos sein. Das geschichtsgesättigte Solidaritätslied der Arbeiter wird neu geschrieben. Aus: ›Vorwärts und nicht vergessen‹ wird ›Vorwärts und schnell vergessen‹. Schadenfreude ist unangebracht. Denn es geht gar nicht um die geschichtsblind gewordene alte Tante SPD. Es geht, und das ist das Fatale dieser Posse, um die ­demokratische Gesellschaft.«

Im »nd« fragt sich Karlen Vesper:

»In der Tat fragt man sich, warum die Abwicklung obendrein ausgerechnet im Jubiläumsjahr der Revolution von 1918 erfolgt? Um nicht zu reden über Schuld und Sühne, Verantwortung und Verdienste? Über den Sturz der Hohenzollern, Wittelsbacher und anderer Potentaten sowie die Beendigung eines mörderischen Krieges dank aufrechter Sozialdemokraten vor 100 Jahren? Und den Verrat durch die eigene Führung, die einen fatalen Pakt mit den Konservativen schloss? Nervt die Mahnung der Geschichte die koalierenden Sozialdemokraten? Per Beschluss ist ihr indes nicht zu entfliehen.«

Im »Tagesspiegel« kommt Bernhard Schulz auch auf 1918 zu sprechen:

»Für sich genommen, auch mit Blick auf ihre spärlicher gewordenen Aktivitäten, mag das Ende der HiKo nebensächlich erscheinen. Es ist nur mehr symbolischer Natur – aber genau darin liegt die Bedeutung: Das Symbol besagt, dass die heutige SPD, dass jedenfalls ihre Spitzenkräfte keinerlei Geschichtsbewusstsein mehr pflegen wollen. Das ist, exakt 100 Jahre nach der deutschen Revolution, in der die SPD – zusammen mit ihrer Abspaltung USPD – die höchst rühmliche Rolle als eigentliche Geburtshelferin der Weimarer Republik gespielt hat, ein fatales Zeichen. Damals stand die SPD im Zenit ihrer historischen Bedeutung: Sie verhinderte, dass Deutschland nach dem Weltkrieg im Bürgerkrieg versank. Heute ist ihr die HiKo lästig. Begründet übrigens wurde die Kommission1981 von SPD-Bundesgeschäftsführer Peter Glotz unter dem Parteivorsitz von Willy Brandt. Allein diese Konstellation sagt genug über den beiläufigen Schlussstrich von Andrea Nahles. Das Ende der SPD als Volkspartei, überhaupt als politischer Kraft ist näher denn je. Ausgerechnet da will sie von ihrer Geschichte nichts mehr wissen.« 

Kategorien:Allgemein

Tom Strohschneider

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