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»Überlast an Geschichte«? Zur Auflösung der Historischen Kommission der SPD

Wenn der Stand der Dinge so bleibt, käme eine 37-jährige sozialdemokratische Geschichte gerade zu einem schlechten Ende: »SPD-Chefin Andrea Nahles hat die renommierte Historische Kommission der Partei aufgelöst«, so meldet es der »Spiegel« und sieht man von empörten Reaktionen der Mitglieder des Gremiums und einigen wenigen Kommentaren ab, macht die Nachricht kaum Schlagzeilen. Gegründet im Oktober 1981, ist die Kommission der Parteispitze offenbar schlicht zu teuer, es geht angeblich um 20.000 Euro im Jahr. Die SPD hat sich bisher nicht dazu geäußert – auch nicht per Dementi.

Nicht sehr lange her ist es, da formulierte Klaus Wettig zum 150. Geburtstag der SPD, »sozialdemokratische Politik der Gegenwart und Zukunft sollte stets in Erinnerung an die Geschichte der Sozialdemokratie betrieben werden. Aus ihr lässt sich Orientierung und Selbstbewusstsein gewinnen, und aus ihren Fehlern und Irrtümern können politische Gestalter lernen«. Thomas Meyer formulierte es in der »Neuen Gesellschaft/Frankfurter Hefte« mit Blick auch auf Widersprüche und Streitpunkte so: »Ohne dergleichen Ambivalenzen ist eine so lange Geschichte wirklichen Handelns nicht denkbar. Sich ihnen selbstbewusst zu stellen, kann auch eine Kraftquelle sein.« 

Eine Historische Kommission kann dabei helfen, kann eine Rolle spielen – eine zwingende Voraussetzung für selbstkritische Befragung der Vergangenheit zum Zwecke der besseren Zukunftsgestaltung ist ihre Existenz nicht. Das ist kein Plädoyer für das Aus, aber man wird auch nicht umhin kommen, die Frage aufzuwerfen, ob und wie das Gremium einen Beitrag zu Selbstverständigung wirklich leisten konnte. 

Besonders agil war die Kommission in den letzten Jahren zumindest in der Öffentlichkeit nicht, wenn man Veröffentlichungen und Veranstaltungen zum Maßstab nimmt. Schon 2013 hatte Eckhard Fuhr in der »Welt« seine Zweifel: »Davon, dass die Sozialdemokraten sich um das Feuer der Tradition versammeln, kann keine Rede sein. Früher gab es einmal eine Historische Kommission der SPD, die auf hohem Niveau den Diskurs über die Geschichte der Partei und der gesamten Arbeiterbewegung am Leben erhielt. Sie ist irgendwann in den Neunzigerjahren sanft entschlafen.« 

Und dann fragte Fuhr: »Muss man dem verloren gegangenen Geschichtsbewusstsein der SPD nachtrauern?« Franz Walter, einer der besten Kenner sozialdemokratischer Geschichte hierzulande, hat in seiner gerade neu aufgelegten »Biografie einer Partei« auch auf die möglichen Probleme solcher parteiformeller Gremien hingewiesen: »Eine lange, pralle Geschichte vermag den nachgeborenen Lust zu bereiten, kann aber auch Last bedeuten. Eine traditionsreiche Partei ist versucht, Geschichte zu kanonisieren, die Erfahrungssätze daraus zu überhöhen, ein monumentales Museum der Vergangenheitsverklärung zu errichten.« Das wird man natürlich nun nicht leichterhand der Kommission unterstellen. 

Walter verweist auch auf die andere Seite der Medaille: Es habe immer auch Zeiten gegeben, da »waren Geschichte und Erinnerung ein Kraftquell, bildeten einen Damm gegen Erosion und Entmutigung, lieferten Klebstoff für den Zusammenhalt, stützten das Dach über streitenden Flügeln.« Aber, so der Parteienforscher: »Nimmer man die SPD heute, so ist sie sicher nicht mehr durch eine Überlast an Geschichte gefährdet.« 

Die Meldung über die Auflösung der Historischen Kommission würde diese Anmerkung weiterschreiben: Nicht mehr »Gefährdung« durch »Überlast«, sondern per organisationspolitischem Ukas »Entlastung« durch Auflösung der für Geschichte zuständigen Kommission. Als ein »verheerendes Symbol für Geschichtslosigkeit« haben die Mitglieder der Kommission den Beschluss kritisiert.

Die Kollegen des Geschichtsgremiums der Linkspartei äußerten sich solidarisch und erklärten, das Aus für die Kommission stehe »einer traditionsverpflichteten Partei wie der SPD schlecht zu Gesicht«. Sie unterstellten dabei, die SPD habe sich kurz vor den Jahrestagen der Novemberrevolution vor einer Antwort auf die Frage »nach ihrer Rolle und Verantwortung  in der Geschichte« drücken wollen.

Der SPD-Politiker Gunter Weißgerber meldete sich ebenfalls zu Wort – aber in eine andere Richtung zielend, indem er seine Kritik an der Auflösung zu einer Kritik des linken SPD-Flügels machte. »Ist das Wissen um die Gründe für sozialdemokratische Erfolgspolitik früherer Jahrzehnte den heute nach Linksaußen schielenden SPD-Sozialisten im Wege?«

In der Göttinger Zeitschrift »indes«, die von eben jenem Franz Walter mitgegründet wurde, war im vergangenen Jahr davon die Rede, dass »das Bedürfnis des erinnernden Rückblicks« auf die linke, die sozialdemokratische Geschichte gewachsen sei. »Womöglich speist sich das Geschichtsbewusstsein – auch – aus der Krise der Gegenwart. Dergleichen zeigte sich jedenfalls früher verlässlich: Immer dann, wenn es bedrohlich wurde, erinnerten sich Parteien ihrer Traditionen, ihrer Mythen und Legenden«, hieß es damals.

Als die Kommission Anfang der 1980er gegründet wurde, steckte die SPD mal wieder in einer »Krise der Sozialdemokratie«, das Ende der sozialliberalen Koalition kündigte sich schon an und auch die lange Phase auf der Oppositionsbank; es gab Debatten über die Frage, welche Wählerschichten man mehr und welche weniger in den Blick nehmen solle. »Die Besinnung auf ihre Geschichte sollte dereinst die Flügelkämpfe mildern«, schreibt nun der »Spiegel« zu den Motiven der Kommissionsgründung. »Zugleich wollte Brandt ein Gegengewicht zur Geschichtspolitik von Helmut Kohl schaffen.«

Das sind zwei Gründe, die man auch aktuell finden könnte: Wieder steckt die Sozialdemokratie in einer Phase der Krise und Neuorientierung, von der nicht absehbar ist, wie sie ausgeht, bei der die Selbstversicherung der eigenen Geschichte aber hilfreich sein könnte. Und wieder sind auch geschichtspolitische Fragen umstritten, nicht zuletzt durch die Tabubruch-Strategie der Rechten.

Würde es nur um die 20.000 Euro gehen, es ließe sich wohl ein öffentlicher Aufruf starten, der das Geld schnell zusammenbringen würde. Die eigentliche Frage ist aber: Braucht die SPD eine solche Kommission, will sie so ein Gremium brauchen? 

Kategorien:Allgemein

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Tom Strohschneider

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