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19. Juni 1915: Das Gebot der Stunde 

Am 19. Juni dieses Jahres wird in den Räumen der Rosa-Luxemburg-Stiftung in Berlin von dieser, der Friedrich-Ebert-Stiftung und der Zeitschrift Arbeit-Bewegung-Geschichte ein Buch mit dem Titel »Weltkrieg Spaltung Revolution – Sozialdemokratie 1916–1922« vorgestellt. 

Besser hätten die Veranstalter den Termin nicht treffen können. Am 19. Juni 1915, mitten im Ersten Weltkrieg – veröffentlichte die »Leipziger Volkszeitung« einen Friedensappell unter dem Titel: »Das Gebot der Stunde«. Darin heißt es: »Nachdem die Eroberungspläne vor aller Welt offenkundig sind, hat die Sozialdemokratie die volle Freiheit, ihren gegensätzlichen Standpunkt in nachdrücklicher Weise geltend zu machen, und die gegebene Situation macht aus der Freiheit eine Pflicht. Das Proletariat erwartet sicherlich, dass ebenso wie im Jahre 1870 sich bei einer ähnlichen Situation alle Sozialdemokraten, trotz ihrer Meinungsverschiedenheiten beim Ausbruch des Krieges, zu einem einmütigen Handeln zusammenfanden, die Sozialdemokratie auch jetzt in gleicher Einmütigkeit zusammenstehen wird.«

Der Text löste deutschlandweit Wirbel aus. Die »Leipziger Volkszeitung« erhielt umgehend ein einwöchiges Publikationsverbot. Für großes Aufsehen sorgten auch die Namen der drei Autoren dieses Friedensappells. Es waren immerhin der Vorsitzende der SPD-Reichstagsfraktion und Co-Parteichef Hugo Haase, der marxistische Parteitheoretiker Karl Kautsky und sein ehemaliger Kontrahent im Revisionismusstreit Eduard Bernstein. Letzterer hatte einst mit seiner grundsätzlichen Kritik an Positionen von Karl Marx den Revisionismusstreit ausgelöst. 

Angesichts der offen propagierten Eroberungspläne müsse die Sozialdemokratie ihren gegensätzlichen Standpunkt betonen und für einen Verständigungsfrieden ohne Annexionen eintreten, erklärte Hugo Haase. Mit diesem Appell brachten er, Kautsky und Bernstein einen Stein ins Rollen, der letztlich zur Gründung der Unabhängigen Sozialdemokratie, der USPD führte. 

Hatten am 4. August 1914 noch alle SPD-Reichstagsabgeordneten – bei einer Enthaltung von Karl Liebknecht – für die Bewilligung der Kriegskredite votiert, stimmten am 2. Dezember 1915 mit ausdrücklichem Verweis auf die Eroberungspläne des Deutschen Reiches 20 SPD-Abgeordnete im Reichstag gegen eine erneute Bewilligung. Als sie im März 1916 abermals mit ihrem Abstimmungsverhalten gegen die Fraktionsdisziplin verstießen, wurden sie aus der Fraktion ausgeschlossen. Sie gründeten die Sozialdemokratische Arbeitsgemeinschaft. Im April 1917 wurde schließlich in Gotha die Unabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands (USPD) gegründet. Die drei Autoren des Friedensappells wurden Mitglieder der USPD, Hugo Haase ihr Vorsitzender. 

Michael Riese

Kategorien:Allgemein

Tom Strohschneider

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