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Zum Bernstein-Bild in der DDR: Der Verfemte

I.

Wer sich dem Umgang mit Eduard Bernstein in der DDR annähern will, ist gut beraten, im Jahr 2000 anzufangen – damals löste ein im »nd« erschienenes »Plädoyer für einen Verfemten« eine kleine Debatte aus. Protagonisten waren Leute, die auch schon vor der Wende als Ökonomen, Juristen und Schriftsteller einen Namen hatten: Hermann Kant war dabei, Gerhard Zwerenz, Harry Nick und andere. Es ging dabei nicht allein um Bernstein, um die Frage, ob und wie weit man sich bei der Berufung auf diesen von Marx wegbewegen würde, ob das schlimm sei und was dies nicht nur für die Richtung der Politik der PDS für Folgen hätte. Sondern es ging damals eben und vor allem auch: um die Nicht-Auseinandersetzung mit einem der wichtigsten sozialistischen Theoretiker der Jahrhundertwende.

Der Rechtshistoriker Jürgen Schuster hatte in seinem Plädoyer daran erinnert, dass es »Möglichkeiten, Texte von Bernstein zu lesen und sich ein eigenes Urteil zu bilden«, wie »in der DDR üblich, weitgehend ausgeschlossen« waren. »Umso ausführlicher wurden willkürliche Interpretationen und Entstellungen seiner Texte verbreitet.« Schuster wies auf die beinahe magische Verwendung des »zurechtgeschneiderten« Satzes von der Bewegung und dem Endziel hin, die in den offiziösen DDR-Darstellungen zur Geschichte der Arbeiterbewegung in einer Weise kontextualisiert oder »eingeordnet« worden seien, so dass am Ende bloß »eine grob entstellte Version seiner Aussagen« übrigblieb.

Schusters Text lässt sich als eine der wenigen späten Rehabilitierungen Bernsteins in der DDR lesen, nicht etwa weil der Potsdamer Hochschullehrer den Sozialdemokraten spät und unkritisch in den Klassiker-Himmel empfohlen hätte. Sondern weil darin einem Publikum der früheren Staatsklasse gegenüber erstmals in so deutlicher Weise auch der intellektuelle Verlust beschrieben wurde, der mit der Bernstein-Darstellung a la SED verbunden war. Bernstein habe Einsichten und Erkenntnisse vorgeschlagen, »die uns braven DDR-Marxisten, die wir uns so erhaben gegenüber den Revisionisten und Opportunisten fühlten, erst durch den weltweiten Zusammenbruch des Staatssozialismus gewissermaßen eingeprügelt werden mussten«. 

Hier wurde mehrerlei endlich angesprochen: die Pappkameraden-Strategie, mit der Bernstein als »Stammvater des Revisionismus« dargestellt wurde, ohne dass die Mehrheit überhaupt wissen konnte, was der Mann theoretisch oder politisch dachte; die politische Instrumentalisierung gegen jeden von der offiziellen Linie abweichenden Gedanken; die damit einhergehende theoretische und politische Selbstbeschädigung, die letzten Endes auch zur Unfähigkeit führte, auf die Entwicklung in der DDR korrigierend einzuwirken.

Was Schuster zudem nicht verhehlte: War Bernstein in der DDR zur »Inkarnation des ›Verrats an der Arbeiterklasse‹ und der Abkehr vom Marxismus stigmatisiert« worden, wirkte dies auch 2000 fast ungebrochen nach. »Das Odium des Abtrünnigen und Verwerflichen«, habe Bernstein im Blick vieler »bis heute nie ganz verlassen«.

Der Ökonom Harry Nick konzedierte in einer Replik auf Schuster zwar, »dass zu DDR-Zeiten der Reichtum sozialistischen Denkens zurechtgestutzt, verdrängt und viele, auch Eduard Bernstein, einfach mit genehmen Kurzformeln abgetan wurden« – bestritt diesem aber zugleich, an einer sozialistischen Gesellschaft jenseits des Kapitalismus noch interessiert gewesen zu sein. Marxens »originäre Idee« sei dagegen »die sozialökonomische Notwendigkeit des Sozialismus« gewesen. Und deshalb, so Nick mit Blick auf die immerwährende Programmdebatte der PDS, bleibe die Frage entscheidend: »Sind wir wieder bei Rosa Luxemburg? Oder bei Eduard Bernstein? Wie mächtig ist das ›warme und weiche Gefühl‹ schon wieder?«

Damit war auf eine Formulierung Sebastian Haffners verwiesen, der in seinem Buch »Der Verrat« über die Revolution von 1918 dieses »Gefühl« als Kennzeichen der »Noch-nicht-Regierungssozialisten« beschrieben hatte, die von der herrschenden politischen Klasse durch honorige Behandlung »gefangen« genommen worden seien – während»diejenigen, die an der Marxschen Botschaft festhielten« den Noskeschen Freikorps zum Opfer fielen.

Nick machte damit für das Jahr 2000 und die damalige PDS-Programmdebatte (dieses wurde erst 2003 verabschiedet) eine Rechnung auf, die dieselben Variablen beinhaltete, die schon in der Bernstein-Rezeption in der DDR maßgeblich waren: Die KPD-Tradition als der »gültige« historische Bezugspunkt, der Revisionist auf der Seite der Mörder von Luxemburg und Liebknecht, seine programmatische Botschaft als reformistische Irrlehre. »Muss und darf deshalb die Vision einer Wirtschaft und Gesellschaft jenseits des Kapitalismus, die des Gemeineigentums auch, aufgegeben werden?«, fragte Nick damals – als ob Bernstein von dieser Aufgabe gesprochen hatte.

Hermann Kant hatte seinerzeit in einer kleinen, ironisierenden Anmerkung zu Schusters »Plädoyer« empfohlen, die Einrichtung eines Bernstein-Zimmers im Karl-Liebknecht-Haus, also der PDS-Zentrale zu erwägen. Gerhard Zwerenz antwortete darauf mit dem Rat, Kants Idee solle »ironisch ernstgenommen werden, denn erstens kann es nicht schaden, einen Mann und sein Werk, die beide unter kollektiver Verdammnis standen, zur Kenntnis zu nehmen, wenn auch verspätet, und zweitens dürfte der Weg, den Sozialisten gehen, gerade deshalb wichtiger werden, weil das Ziel zu verschwinden droht«.

Für Zwerenz lag mit Bernstein eine Denktradition brach, die gerade deshalb von Sozialisten wieder aufgegriffen werden sollte, weil dies die SPD selbst ja schon länger nicht mehr ernsthaft tat. Zwerenz kam natürlich auf den oft unterschlagenen Teil in Bernsteins berühmtem »Endziel«-Zitat zu sprechen, in dem der Sozialdemokrat erklärte, unter Bewegung »sowohl die allgemeine Bewegung der Gesellschaft, das heißt des sozialen Fortschritts« zu verstehen, wie auch »die politische und wirtschaftliche Agitation und Organisation zur Bewirkung dieses Fortschritts«. 

Hier, so Zwerenz im Februar 2000, ließe sich doch anknüpfen: »Habe ich also kein Ziel, auch nicht das eines staatlichen Sozialismus, so möchte ich doch meinen Weg gehen, ›ergo‹ in Bewegung bleibend, meine Ideen einbringen, zu denen die Ablehnung von Krieg und Rüstung gehört, die Demokratisierung der Wirtschaft, die Gleichberechtigung unterschiedlicher Eigentumsformen und Verfügungsgewalten. Das ist mit Bernsteins Favorisierung des Weges durchaus vereinbar, von der deutschen Sozialdemokratie wird es aber nicht mehr vertreten.«

Das sahen nicht wenige Leserinnen und Leser des einstigen Zentralorgans der SED offenbar anders. Schuster sah sich veranlasst, noch einmal das Wort zu ergreifen: Verschiedene Reaktionen auf sein »Plädoyer für einen Verfemten« hätten »eindrucksvoll die Lebensdauer von überkommenen ideologischen Feindbildern« veranschaulicht, schrieb er ein paar Wochen später, »so sehr die auch von der politischen Realität widerlegt sind«. Argumentationsnotstand, unfreiwillige Komik, Festhalten an den alten Verdammungsritualen und Verleumdungspraktiken – Schusters Urteil war schonungslos aber angebracht. 

Schuster legte dabei einen Punkt frei, der typisch für die Nicht-Auseinandersetzung mit Bernstein in der DDR war: der argumentfreie Luxemburg-Verweis. Man musste in der Regel nur die zur Ikone gemachte KPD-Mitgründerin ins Feld führen, um damit eine frei ausgesuchte Aussage zu begründen. Mit der Feststellung, Luxemburg sei dessen entschiedendste Kontrahentin in der historischen Revisionismusdebatte gewesen, war also praktisch auch schon alles über Bernstein gesagt – ohne dass man sich noch mit dessen Anschauungen selbst auseinandersetzen musste. In Schusters Worten: »Bei allem Respekt vor dieser großartigen Revolutionärin, ist allein die Tatsache, dass eine herausragende Persönlichkeit der sozialistischen Bewegung eine Gegenposition zu Bernstein vertrat, noch kein Wahrheitsbeweis.« 

Auch Schuster war aufgefallen, »dass es von Seiten der Kritiker kaum eine inhaltliche Auseinandersetzung mit den Auffassungen Bernsteins gab«. Der Potsdamer Rechtshistoriker fand die historischen Reaktionen – etwa von Luxemburg und Kautsky – noch »sehr nachvollziehbar, war es doch gerade auch die emotionale Ausstrahlungskraft der Marxschen Theorie, die den Aufschwung der Arbeiterbewegung spürbar beförderte«. Für eine spätere Rezeption wie jene in der DDR konnte dieses psychologische Argument aber kaum noch herhalten. 

II.

Die Verdammung Bernsteins in der offiziösen SED-Darstellung hatte keine Erkenntnis mehr zum Ziel, bezweckte nicht theoretische Debatte, nicht kritische Analyse, nicht auf die soziale Wirklichkeit bezogene Auseinandersetzung. Sie diente allein der Legitimation einer Herrschaft, die zwar ständig von der historischen Mission und der Wahrheit redete, sich aber ganz offenbar so unsicher über beides war, dass sie zu autoritären Praktiken, Denkverboten, Repression greifen musste.

Wie sah nun der Umgang mit Bernstein in der DDR aus? Es reichen eine wenige Beispiele, um das zu veranschaulichen, denn im Prinzip änderte sich der Tenor über die gesamte Zeit kaum. Im Sommer 1948 etwa hatte Otto Grotewohl die »Kritik« an der »revisionistischen Ideologie« in einer Rede über »Die Novemberrevolution und die Lehren aus der Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung« auf einer Tagung der SED-Spitze formuliert. 

Der Grund dafür, dass der Revisionismus in der deutschen Sozialdemokratie so erfolgreich gewesen sei, sei »nicht etwa darin zu suchen, dass der bedeutendste Vertreter Eduard Bernstein eine Theorie« von »besonderer Wirkungskraft darbot, sondern in der erhöhten Empfänglichkeit des deutschen Proletariats«. Dieses wiederum sei »durch die Nachwirkungen Lassalleanischer Ideen mit ihrer Überschätzung des Allgemeinen Wahlrechts« zu erklären, zu denen »die Verkennung der Rolle des Staates als Herrschaftsinstrument« und die »Illusion über das friedliche Hineinwachsen in den Sozialismus« hinzugetreten seien.

Zudem, so Grotewohl weiter, erkläre sich der Erfolg Bernsteins »durch den geringen Widerstand, der in führenden Kreisen der Sozialdemokratie« dem in Deutschland »sehr starken Einfluss der bürgerlichen Wissenschaft entgegengesetzt wurde« sowie, Grotewohl hielt das für den entscheidenden Punkt, aus der »Mentalität in den führenden Partei- und Gewerkschaftskreisen«. Diese hinderte – so dachte der damals noch als einer der Vorsitzenden der SED fungierende Politiker – die Partei auch daran, den »Ausschluss der von der klassenmäßigen Orientierung Abgeirrten« durchzusetzen.

Ein Jahr später erläuterte Kurt Hager, später als »Chefideologe der SED« bezeichnet, das Verständnis der Partei von theoretischer Weiterentwicklung. »Es versteht sich«, hob Hager mit einer Formulierung an, die eine Möglichkeit zum Widerspruch schon ausschloss, dass die »schöpferische Weiterentwicklung des Marxismus durch Lenin und Stalin nicht das geringste mit der von den bürgerlichen und rechtssozialistischen Verteidigern der kapitalistischen Sklaverei geforderten ›kritischen Überwindung‹ des Marxismus zu tun hatte und hat«. Denn diese, namentlich Bernstein, »geben den Marxismus preis«. 

In den üblichen Propaganda-Darstellungen zur Geschichte der Arbeiterbewegung wurde das holzschnittartige Bild vom Revisionismus als bürgerlicher Kapitulationsideologie, Marxismus-Verrat und so fort wieder und wieder kolportiert. Kritik an Bernsteins Positionen wurde durch Diffamierung und Personalisierung ersetzt. Bernstein gab es im Prinzip weder als Theoretiker, noch als Journalisten, weder als Politiker, noch als Publizisten – sondern nur als »Stammvater des Revisionismus«. Und um sich nicht inhaltlich zu befassen, kam man wie etwa bei Grotewohl mit Charakterurteilen: »Es waren die alten, abgeleierten, von den Kleinbürgern und Spießern zu allen Zeiten mit gleichbleibender Naivität gegen den Marxismus vorgebrachten Einwände«, die auch später »mit derselben Blindheit« wieder und wieder erhoben worden seien.

1963 veröffentlichte das SED-Zentralorgan unter der Schlagzeile »Nur Arbeiterpolitik bringt den Sieg« eine Gegenüberstellung von »zwei Klassenpositionen«, die zu »zwei Ergebnissen« führen müssten: »Um zu siegen, muß die Arbeiterklasse revolutionär sein.« Eine andere Antwort war gar nicht vorgesehen, und so wurde »Die historische Mission« damit unterstrichen, dass ein paar Zitate Bernsteins – immerhin! – unter der Zwischenzeile »Wer leugnet sie?« aufgelistet waren. Fazit des ND: »Statt einer revolutionären Kampfpartei der Arbeiterklasse predigte Bernstein die bürgerliche Reformpartei, statt des Kampfes um die Macht die friedliche Verwandlung des Arbeiters in den ›Bürger‹«.

Noch ein Beispiel aus der 1965 erschienen »Deutschen Geschichte«, in der Dieter Fricke zu den »neuen Bedingungen des Klassenkampfes in Deutschland seit Beginn des Imperialismus« schreibt: »Unter der Losung ›Das Ziel ist nichts, die Bewegung alles‹ propagierte Bernstein die Preisgabe aller Grundinteressen der Arbeiterklasse und ihre Versöhnung mit der kapitalistischen Ausbeuterordnung. Die deutsche Sozialdemokratie sollte dementsprechend aus einer revolutionären Arbeiterpartei in eine bürgerliche Reformpartei verwandelt und an der Erfüllung ihrer historischen Mission in der Epoche des Imperialismus gehindert werden.«

Es gibt nur einige wenige Ausnahmen in der Bernstein-Rezeption der DDR, die sich hiervon substanziell unterscheiden. Zwar lassen sich Unterschiede darin feststellen, zu welchem Zweck die Behauptung des »Verrats am Marxismus« jeweils aufgefahren wird  – mal gegen die »Schumacher-SPD«, später gegen den demokratischen Sozialismus als »Ideologie des Sozialreformismus«. Vielfach hatte sich der so genannte Antirevisionismus aber auch schon völlig gegenüber der historischen Kontroverse verselbstständigt, taugte bereits als Disziplinierungsinstrument gegen jeden und alles – man denke nur an die wirtschaftspolitischen Kontroversen.

Ausführlichere Darstellungen, die sich mit Bernstein auseinandersetzen, sind für die DDR-Zeit rar. Zu nennen wären sicher einige geschichtswissenschaftliche Aufsätze zu seinem Wirken. Von Erika König erschien 1964  zudem »Vom Revisionismus zum ›demokratischen Sozialismus‹«. In der mehrbändigen »Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung«, die von einem SED-Institut 1966 herausgegeben wurde, spielen Bernstein und die Revisionismusdebatte in den ersten beiden Bänden eine Rolle, die dort auf wenigen Seiten abgedruckte Handvoll von Auszügen aus Bernsteins Werk stellen praktisch schon die gesamte Werk-Öffentlichkeit seiner Arbeiten in der DDR dar. Die Darstellung folgt hier der üblichen Linie: So wenig wie möglich über Bernstein, so viel wie möglich gegen ihn.

1974 erschien im ND ein längerer Beitrag von Sergej Iwanowitsch Popow, dem Vizerektor der Parteihochschule beim ZK der KPdSU, der sich mit der neukantianischen Strömung in der Arbeiterbewegung und dem ethischen Sozialismus, nun ja: auseinandersetzte. Auch Bernsteins Befassung mit Kant erschien darin als »eine bürgerliche Reaktion auf den Marxismus und auf die Erfolge der Arbeiterbewegung« und wurde als »eine der hauptsächlichen Grundlagen des rechten Opportunismus« abgefertigt. 

III.

Einer der wenigen Bernstein-Experten der DDR, die diesen Namen verdienen, Manfred Tetzel, der 1982 mit einem »Beitrag zu einer kritischen Analyse der gesellschaftstheoretischen Auffassungen Eduard Bernsteins« promoviert hatte, verwies Anfang 1990 in einem Interview mit dem ND darauf, dass der Sozialdemokrat innerhalb der akademischen Szene »nie eine Unperson« gewesen sei, gestand aber zu, dass er »sicher nicht in dem Maße, wie es ihm gebührte, gewürdigt wurde«. Es verhält sich hier ein wenig wie mit der akademischen Marx-Forschung in der DDR, die auch umfangreicher, in gewisser Weise offener war als der hermetisch kontrollierte, rein legitimatorische »Marxismus« der Partei in der Öffentlichkeit.

Der Umgang mit Bernstein in der DDR war nicht zuletzt eine Reaktion auf die Rezeption in der BRD. Als diese dort in den 1970er Jahren eine kleine Renaissance erlebte, die wiederum ein Ausdruck programmatischer Debatten in der Sozialdemokratie und der gesellschaftlichen Linken war, befleißigte sich auch die Akademie für Gesellschaftswissenschaften in der DDR – eine Forschungsgruppe wurde gebildet, die sich, in Tetzels Worten, »um eine tiefgründigere Analyse seiner gesellschaftstheoretischen Anschauungen« bemühen sollte. Ein Ergebnis dieser akademischen Befassung war die 1984 erschienene Studie »Philosophie und Ökonomie oder Das Exempel Bernstein«, auf die zu anderer Gelegenheit noch einmal ausführlicher eingegangen werden soll. 

An Tetzel lässt sich auch die Veränderung im Bernstein-Bild der Wendezeit veranschaulichen. Hatte er im Januar 1990 im ND-Interview noch von Bernsteins »Absage an marxistische Grundlehren« gesprochen und die übliche Behauptung kolportiert, der Sozialdemokrat habe den Marxismus in seiner »Gesamtheit« nicht verstanden und »ihm scheinbare Defizite des historischen und dialektischen Materialismus mit Versatzstücken aus der bürgerlichen Ideologie auszufüllen« versucht, klingen die beiden Nachworte zu den 1990 noch in der DDR erschienenen Bernstein-Werke schon ein bisschen anders. »Seine Konzeption zu verwirklichen hieße, einen Schritt zurück zu gehen«, sagte Tetzel im Januar. Ein paar Monate später liest man dann: Das aktive, humanistisch motivierte sozialistische und demokratische Engagement des Autors legen sicher manche Nutzanwendung des Gelesenen nahe«.

Tetzel hat nach dem Scheitern des autoritären Staatssozialismus darauf hingewiesen, dass es Bernstein war, der Ende des 19. Jahrhunderts »als erster so massiv und komplex die Frage nach einer neuen gesellschaftsstrategischen Orientierung« für die Arbeiterbewegung aufgeworfen hatte. Diese stand »mit dem Übergang des Kapitalismus in sein imperialistisches Stadium« vor neuen Herausforderungen, und es hatte sich gezeigt, dass man mit den Annahmen des 19. Jahrhunderts in einer Welt, die sich anders entwickelt hatte, als von den »Klassikern« prognostiziert, keine sozialistische Politik mehr machen konnte. Es waren, so Tetzel, Ende des 19. Jahrhundert »Fragen gestellt, auf die bis dato noch keine Antworten gefunden worden waren«. Die Arbeiterbewegung »musste ihre Strategie und Taktik neu bestimmen«. 

Wenn man von einer Aktualität Bernsteins reden will, dann liegt hier einer der zentralen Gründe: Er vertrat eine Position, die davon ausgeht, dass sich das Verhältnis von Theorie und Praxis linker Politik immer wieder neu bestimmen muss, ausgehend von einer kritischen Analyse der Wirklichkeit. Dabei hat Bernstein manches verkannt und theoretisch falsch eingeschätzt, auch seine Prognosen müssen sich der Kritik stellen. Aber die Herangehensweise erscheint – auch mit Blick auf die gegenwärtige Lage der gesellschaftlichen Linken – immer noch aktuell.

Jürgen Schuster hat 2000 in der kleinen, eingangs geschilderten Debatte, an Bernsteins Warnung vor einer »Überschätzung der schöpferischen Kraft der revolutionären Gewalt« erinnert und auf den zentralen Stellenwert der Demokratie hingewiesen, die Bernstein als »Mittel und Zweck zugleich« ansah, weil sie »das Mittel der Erkämpfung des Sozialismus« und »die Form der Verwirklichung des Sozialismus« gleichermaßen sei. Bernstein habe sich zudem dadurch ausgezeichnet, »dass er bei allen konzeptionellen Überlegungen und theoretischen Verallgemeinerungen auf das sorgfältigste die kalkulierbaren Folgen prüfte«. Und: »Wenn die kapitalistischen Widersprüche einen anderen Verlauf und andere konkrete Gestalt annahmen, so schlussfolgerte Bernstein, entstand für die Sozialdemokratie das zwingende Gebot, die kalkulierbaren Entwicklungen und vor allem die einzuschlagenden Wege neu zu durchdenken.« 

Was, könnte man mit Bernsteins eigenen Worten hinzufügen, wäre eine klügere Handlungsanleitung für eine gesellschaftliche Linke angesichts der Tatsache, »dass die bürgerliche Gesellschaft noch beträchtlicher Anpassung fähig ist und dass die Produktion und das Geschäft innerhalb dieser Gesellschaft noch manche Formveränderung durchmachen können«? 

Ein Terminhinweis: Über Eduard Bernstein, seine „Kritiker“ und die linken Debatten von heute spricht der Autor am 12. April in Berlin. Mehr Infos gibt es hier.

Kategorien:Allgemein

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Tom Strohschneider

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