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Warum wieder Bernstein?

Ein paar vorläufige Überlegungen zur Aktualität eines sozialistischen Theoretikers.

Am 18. Dezember jährt sich der Todestag von Eduard Bernstein zum 85. Mal. Zugegeben, das ist keiner dieser runden Geburtstage, ob derer großes erinnerungspolitisches Aufhebens gemacht werden müsste. Und doch gibt es Gründe, sich gerade jetzt mit dem sozialistischen Theoretiker wieder – und vor allem neu zu befassen.

Es geht dabei weder um irgendeine »Anwendung« von Eduard Bernstein auf heutige Probleme oder eine kritiklose Ehrerbietung. Es geht darum, in der Geschichte der bisherigen Rezeption Bernsteins und in der Art seines Herangehens an Widersprüche der Politik etwas freizulegen, was linkem Nachdenken heute weiterhelfen könnte.

Anders gesagt: Wann, wenn nicht jetzt, müsste man über »Probleme des Sozialismus« diskutieren, wie die Artikelserie in der Neuen Zeit überschrieben war, die Bernstein dann später ausarbeitete? Und zwar auf eine Weise, die nicht schon glaubt, die Antworten in den bisherigen zu kennen. Warum aber Bernstein? Weil sich sowohl im Umgag mit ihm und seinen Werken als auch in seiner Befassung mit den real existierenden Voraussetzungen linker Politik etwas finden lässt, das unmittelbar an heute erinnert.

Bernstein ist mit seiner empirisch gestützten Skepsis gegenüber verelendungstheoretischen Verengungen, seinem Drängen, doch wenigstens die Wirklichkeit zur Kenntnis zu nehmen und daraus Schlüsse zu ziehen statt nur an Parolen festzuhalten, so etwas wie der Urvater linker Kritik an einem Immerschlimmerismus – und es könnte hieran eine Debatte sich anschließen, warum der heute auch ein Problem ist.

Bernstein ist auch ein Paradebeispiel dafür, wie sich komplementär verschränkte ideologische Geschichtsbilder gegenseitig dabei unterstützen, hermetisch geschlossene Aktions- und Denkräume zu errichten, in denen »Wahrheiten« gelten – und es könnte hieran eine Debatte sich anschließen, wie das die überfällige Neuformierung der Linken behindert.

Bernstein ist nicht zuletzt vorgeworfen worden, »den Boden des Marxismus« zu verlassen, was eine regelrechte Absurdität ist zumindest für jene Bereiche seines Denkens, in denen er sich als weit näher an Marx zeigte als die selbst ernannten Apologeten und Bewahrer einer »Orthodoxie« – und es könnte hieran eine Debatte sich anschließen, warum jene genauso weit weg von Bernstein sind, die sich heute gern auf ihn als angeblichen Nur-Reformisten berufen.

Bernstein gleich Schröders Agenda-Kurs?

Eine erste Anmerkung zu letzterem: Jakob Augstein hat, als es einmal kurz so aussah, als könnte Martin Schulz mit sozialdemokratischer Betonung ein gutes Wahlergebnis erreichen, gegen dessen Kritiker ausgerufen: »Das neoliberale Gerede von der ›Neuen Mitte‹ und dem ›postideologischen Zeitalter‹, an dem auch die europäischen Sozialdemokraten teilgenommen haben, war ein moderner Revisionismus.« Dass er dabei auch an Eduard Bernstein dachte, zeigt sein Zitat von August Bebel aus dem Jahr 1903, als die Debatte noch tobte: »Die Vertuschung, die Überbrückung der Gegensätze zwischen Proletariat und bürgerlicher Gesellschaft. Das ist das Streben, das die Männer, die sich Revisionisten nennen, in der Partei haben.«

Soll sagen: Bernstein gleich rechte Sozialdemokratie gleich Abrücken von klassenpolitischen Grundsätzen gleich Agenda-Kurs. Nun mag man fragen, welches gegen Bernstein gerichtete Bebel-Zitat zum dann realen Abschneiden von Schulz gefunden worden wäre, man darf annehmen, dass Augstein den Revisionismusvorwurf nun gegen den SPD-Chef selbst geschleudert hätte: Weil der im Wahlkampf dann doch wieder so ähnlich agierte wie die Schröder-SPD.

Umgekehrt könnte man sich gut vorstellen, wie Olaf Scholz beim Abfassen seiner Papiere zur Erneuerung der Sozialdemokratie, seinerseits an Bernstein dachte – schließlich gibt es eine ganze Reihe von Lobreden auf »Ede«, mit denen diverse SPD-Politiker zu je verschiedenen Zeiten ihren Kurs in der Tradition der Partei verankern wollen. Als Sigmar Gabriel 2013 in der »Neuen Gesellschaft« Bernstein als den Mann pries, »der die Verbindung zwischen Bebel und Brandt war«, tauchte gleich zu Beginn einer der üblichen Bernstein-Vereinnahmungs-Sätze auf: »Die moderne, reformorientierte SPD wäre ohne Bernstein nicht denkbar. … Zum Reformkanzler Brandt führt der Weg vom Marxismus Bebels nur über den Revisionismus Eduard Bernsteins.«

Politisch interessierte systematische Rezeptionsverzerrungen

Daran ist zweierlei bemerkenswert. Erstens, dass Gabriel die SPD von Brandt zum Telos sozialdemokratischen Strebens auf der Höhe der Zeit macht, was man anno 2013 durchaus als Ansatz zu einer Korrektur weg vom Schröderismus ansehen könnte. (Gabriel hatte bereits 2009 in seiner Dresdner Antrittsrede Anleihen bei Brandt gesucht, um Distanz zwischen sich und der Agenda-SPD zu bringen.) Zweitens aber taucht Bernstein hier zugleich als Urvater einer »modernen, reformorientierten« SPD auf, die auf dem Weg zu sich selbst vom Marxismus (hier: Bebels) wegkommen musste.

Das aber reproduziert eine Sicht auf Bernstein, die den Schöneberger immer schon zum Zerrbild machte, einem Zerrbild, an dem beide Seite kräftig mitwirkten – in den Worten von Detlef Lehnert, gesprochen im Herbst 1977 auf einer Konferenz über »Die historische Leistung und aktuelle Bedeutung Eduard Bernsteins« ein »exemplarischer Fall von ideologischem Geschichtsbewusstsein«, die als »politisch interessierte systematische Rezeptionsverzerrungen interpretiert werden« könnten.

Die »erstaunliche Resistenz einer vorherrschenden Auffassung des ›Revisionismus‹ gegen historische Prüfungen«, so Lehnert, lasse sich »durch ihre dialektische Struktur erklären: Ein in seinen Tatsachenbehauptungen einheitliches Bild der Thesen Bernsteins zerfällt in zwei komplementär verschränkte, gleichsam einen Verdoppelungseffekt von Bewusstseinsprägung hervorrufende politisch-weltanschauliche Argumentationslinien. Einerseits waren sozialliberale Autoren bemüht, den Wortführer des ›Revisionismus‹ als großen Gegenspieler des Marxismus zu inthronisieren; auf diese Weise fiel es Liberalen leichter, die Kooperation mit einer sich mäßigenden SPD zu rechtfertigen, während Sozialdemokraten mit dem Rückgriff auf ihn vorwiegend das Abwerfen von vorgeblichem ›marxistischen Ballast‹ zu begründen versuchten. Andererseits wurde Bernstein aus dem Blickwinkel der radikalen Linken zur Inkarnation des ›Sozialdemokratismus‹, der die Arbeiterbewegung erstmals durch bewusste Kurskorrekturen vom Tugendpfad der revolutionären Politik wegführte.«

Auswege aus dem Kreisverkehr?

Lehnert hat das für die unmittelbare Entstehungszeit dieses Verdoppelungseffektes beschrieben, also die ersten beiden Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts. Das Urteil erscheint aber noch heute aktuell, auch wenn Bernstein nicht mehr so viel Schlagzeilen macht. Zudem findet politische Auseinandersetzung heute in einem veränderten medialen Setting statt, das freilich auch seine »komplementär verschränkten« Argumentationslinien kennt – man schaue sich die »Debatte« an, die zwischen SPD und Linkspartei beziehungsweise zwischen verschiedenen Richtungen innerhalb dieser Parteien stattfindet. Das Urteil über den jeweils anderen wird dabei oft auch auf der Gegenseite zur Bestätigung wiederum gegensätzlicher Urteile genutzt.

Wollte man aus diesem Kreisverkehr hinaus, könnte man aus der Debatte über Bernstein in seiner Zeit wie auch aus einer kritischen Analyse der Rezeption einiges lernen. Das gilt nicht zuletzt für den Anspruch, den man an Diskussion legt – dass sich politische Urteile auf verkürzte Zusammenhänge oder exponierte Einzelmerkmale, ja: »auf gefühltes Wissen« beziehen, prägt innerlinke Auseinandersetzung damals wie heute.

Bernstein ist von Verkürzungen, Polemik, Fehlurteilen nicht freizusprechen. Aber es stimmt eben auch, dass seine Rolle »zwischen allen Stühlen«, denn dort stand er weit eher als seine Kritiker und »Freunde« dachten und denken, nicht zuletzt daher rührt, dass er eine gewisse Neigung zu empirisch überprüfbaren Tatsachen hatte, auch und gerade dann, wenn sie den politischen Erzählungen und einer »Empirie« propagandistischer Nützlichkeit entgegenstanden. Womit der dritte Punkt dieser ganz vorläufigen Überlegungen zur Aktualität Bernsteins angesprochen ist: die Ablehnung eines Immerschlimmerismus.

Ablehnung eines linken Immerschlimmerismus

Zu Bernsteins Zeiten war diese Skepsis noch stärker gegen Verelendungsdenken und Zusammenbruchstheorie gerichtet (anzumerken ist: Bernstein hat weder negiert, dass aus dem Widerspruch zwischen Kapital und Arbeit soziale Probleme erwachsen, noch behauptet, der Kapitalismus sei das Ende der Geschichte), geht es heute vor allem darum, politische Forderungen auf sozialen Tatsachen zu begründen. Das ist nicht nur eine Frage der Redlichkeit, sondern eine eminent strategische.

Wenn das Ziel aufgeklärter Kritik an den Verhältnissen deren Veränderung ist, wird es zur Voraussetzung erfolgreichen Handelns, dass die Leute die Verhältnisse überhaupt als »veränderbare begreifen und denken können: als historisch gewordene und damit auch durch individuelle, kollektive und institutionell eingebundene politische Kämpfe zu überwindende«, wie es der Sozialpsychologe Klaus Weber einmal formuliert hat. »Die Begriffe, die man sich von was macht, sind sehr wichtig«, wusste auch schon Bertolt Brecht: »Sie sind die Griffe, mit denen man die Dinge bewegen kann.«

Im Immerschlimmerismus wohnt aber das Gegenteil: Wenn die Erfahrung über die Welt vorrangig durch Informationen geprägt ist, die den Eindruck erwecken, dass alles immer nur schlechter wird, wächst vor allem eines: die eigene Angst, mit in jenen Abwärtsstrudel gezogen zu werden, über den man wieder und wieder hört, dass er sich immer schneller dreht, immer tiefer wird, immer mächtiger. Das führt zu Ohnmacht und die wird in der Regel nicht erfolgreich von links beackert. Es ist heute also eine linke Überlebensfrage, nicht angesichts der omnipräsenten Negativschlagzeilen das zu vergessen, was die gesellschaftliche Linke bisher erreichen konnte.

Wo das doch herausfällt aus der Beschreibung der Wirklichkeit, gerät die Linke in die Defensive. Als seit Mitte der 1970er Jahre in der Bundesrepublik eine Welle der kapitalistischen Rationalisierung durch die Industrie rollte, stemmten sich die Gewerkschaften auf eine bestimmte Weise dagegen und linke Sozialwissenschaftler interessierten sich dafür, welche Effekte dies auf den Widerstand der Kollegen hatte.

Das Theorie-Defizit in der Linken

Die Weise, in der die Gewerkschaften argumentierten, nannten die Forscher »Verelendungs-Diskurs«, sie meinten damit »Anschauungen, Theorien, Politiken, die die Aufklärung der Arbeitenden über die beständige Verschlechterung ihrer Lage für ein besonderes Mittel ansehen, das Handlungsniveau der Betroffenen zu erhöhen«, so steht es in den noch heute lesenswerten Bänden des »Projektes Automation und Qualifikation«. Eben diesen »Verelendungs-Diskurs«, so die Schlussfolgerung, halte man nach all den damals gemachten Untersuchungen »für gescheitert«. Eine öffentliche Behandlung der real existierenden Probleme in einer Weise, die von der Grundbotschaft geprägt ist, dass schon wegen der Kapitallogik immer nur alles schlechter kommen müsse, habe die Motivation für eine positive, an eigenen Zielen ausgerichtete Veränderung der Beschäftigten eben gerade nicht gestärkt.

Ein vorerst letzter Gedanke: Wenn es richtig ist, was Horst Heimann in seiner Einführung in die »Texte zum Revisionismus« schreibt, dann liegt in einer neuen Auseinandersetzung mit Bernstein und seiner Rezeption auch die Chance, das Theorie-Defizit in der Linken anzugehen. Nebenbemerkung: Gemeint ist mit Revisionismus hier immer und ausschließlich Bernsteins Werk, nicht der leere Begriff, der dann später vor allem von allerlei autoritären Strömungen des Sozialismus dazu verwandt wurde, jede Dissidenz, jedes Widerspruchsdenken, jedes Freude am »Überwinden«, am Weiterdenken anzuklagen.

Indem die SPD um die Jahrhundertwende auf Bernsteins Kritik mit Verurteilung durch Parteitagsbeschluss setzte, wurde sie zur Urheberin einer Kluft zwischen Theorie und Praxis, die heute wahrscheinlich noch größer geworden ist. Nicht dass man Heimanns Gedanken von 1977 heute teilen müsste, der sich eine Bernstein-Renaissance gegen eine Linksverschiebung der SPD erhoffte. Sondern weil sein Hinweis immer noch aktuell ist, dass sich demokratisch-sozialistische Politik nur durch eine Verankerung in der Theorie und ein entsprechendes Verhältnis dieser zur Praxis dagegen wappnen kann, »in theorielosen Pragmatismus und politischen Opportunismus« zu verfallen.

Einerseits. Andererseits kann eine an systemverändernden Zielsetzungen festhaltende Linke von Bernstein und seiner Rezeption lernen – und dabei auch über sich selbst viel erfahren. Vielleicht sogar, dass man manchmal erst eine Position aufgeben muss, um zu ihr gestärkt durch neue Erkenntnisse zurückzufinden. Was gegen Bernstein geworfen ist, hat vor allem die beschädigt, die ihn treffen wollten. Wer über eine an Marx orientierte, demokratisch-sozialistische Politik mit einem ethischen, freiheitlichen Kompass reden will, sollte über Bernstein reden. Und vielleicht ihn sogar lesen. Denn dass dies seine lautesten Kritiker und seine überschwänglichsten Erben wirklich getan haben, das muss bezweifelt werden.

Kategorien:Allgemein

Tom Strohschneider

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